14. 6. 2000 | Frankfurter Allgemeine Zeitung / Berliner Seiten


Kalter Krieg mit Heißgetränken

Abriss West (9): Seit 1932 auf Erinnerung gebaut - die Kranzler-Ecke am Kurfürstendamm

Noch ist es nicht zu spät. Noch steht der Bauzaun, noch wühlen die Arbeiter mit ihren Preßlufthämmern im Torso des Kranzler herum, der Ruine der Westberliner Tortenvöllerei. Jetzt, da hinter der betulichen otunde, die mit ihren weißroten Markisen immer ein wenig an eine Konfektverpackung erinnerte, sich das "Neue Kranzler-Eck" von der Hand Helmut Jahns und deshalb in Gestalt eines zweiten SONY-Centers dem Himmel entgegenstemmt, wäre der richtige Zeitpunkt, um endlich Schluß zu machen mit einem längst verblichenen Mythos.

Man mag von dem gläseren Hochhausgewitter im Rücken des Kranzler nicht unbedingt begeistert sein (Abriss West in den Berliner Seiten vom 25.4.), nur sollte man sich die Alternative vor Augen führen, die um das Jahr 1994 zur Diskussion stand: Da wehrte sich der Bezirk Charlottenburg vehement gegen den Glasriegel und war bereit, das denkmalgeschützte Kranzler-Eck, dem eine Degradierung zum "Zwergenland" prophezeit wurde, zu opfern, um das Bauvolumen des Hochhauses auf dem Grundstück gleichmäßig verteilen zu können. Wie vielerorts in Berlin wäre auch diese Ecke bis zur berüchtigten Traufhöhe vollgelaufen, dekoriert mit mehr oder weniger gelungener Architektur. Dass das Berliner Mittelmaß, für das auch Bausenator Peter Strieder eintrat, an dieser Stelle nicht zum Zuge kam, ist ein in der Zeit nach 1989 seltener Glücksfall.

Nun staffeln sich, nicht ohne Reiz, zwei Architekturen hintereinander, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Voraussetzung für einen spannungsvollen Dialog wäre allerdings, dass der ältere Part noch etwas zu sagen hätte.

Doch was war denn schon "das Kranzler"? Nichts gegen ältere Damen und postkartenschreibende Touristen, aber wer das genießen mochte und dazu noch wenigstens einen Funken Atmosphäre und gute Torten, der ging doch eher ins "Möhring" an der Ku'damm-Ecke zur Uhlandstraße, das leider kürzlich vor dem Mietwucher kapitulieren mußte. "Das Kranzler" als ein Ort, wo Geschichte gemacht und nicht bloß sehnsüchtig memoriert wurde, hatte seinen Platz Unter den Linden und seine Zeit war das 19. Jahrhundert.

Johann Georg Kranzler, Österreicher und Kuchenbäcker auf dem Wiener Kongreß, bezog 1834 mit seiner Konditorei das Eckhaus Friedrichstraße / Unter den Linden. Er eröffnete den ersten Rauchsalon, was bis dahin in der Öffentlichkeit verboten war und setzte sich gegen die Baupolizei durch, die ihm verbieten wollte, Tische auf die Straße zu stellen, ebenfalls ein Novum in der Stadt. In der "Lesekonditorei Kranzler" gab es Zeitungen von jenseits des preussischen Tellerrandes und um 1848 sollen Spione des Königs dort herumgeschnüffelt haben.

Kranzlers Sohn Alfred ahnte vielleicht, dass auch ein jedes Café seine Zeit hat, als er 1911 das Geschäft der Stadt Berlin mit der Auflage vererbte, dort ein "Findelheim" einzurichten, was von seinen Nichten aber mit Erfolg angefochten wurde. Unterdessen war der Ku'damm als neues Zentrum etabliert, Kunst- und Literaturszene trafen sich im "Café Größenwahn" genannten "Café des Westens". Mit dem ersten Weltkrieg schwand auch dessen Glanz, die Bohème verzog sich ins "Romanische" an der Gedächtniskirche. In den nun freigeworden Räumen am Ku'damm, Ecke Joachimstaler Straße, eröffnete Kranzler, mittlerweile im Besitz einer Aktiengesellschaft, seine West-Filiale und versuchte sich durch "Themen-Räume" mit Künstler-Bildern etwas vom Ruhm des "Größenwahn" zu borgen. Eine wirkliche Daseinsberechtigung erlangte das Kranzler am Kurfürstendamm erst mit der Schließung des Linden-Kranzlers 1945 und der Teilung der Stadt, die eine Doppelung vieler Orte zur Folge hatte. Es regnete noch von oben in die Ruine hinein, da wurde im Erdgeschoss bereits das Café wieder geöffnet, hinter einer glatten weißen Fassade, die, wie eine Jahrmarktfassade dem Altbau vorgesetzt, dynamisch um die Ecke schwang und in riesigen Leuchtbuchstaben den Schriftzug "Nescafé" trug, darunter, sehr viel kleiner, "Konditorei Kranzler". Der Name wurde im Westen zum Programm dafür, sich als einzig legitimer Hüter der Tradition zu behaupten. Bald eröffneten Kranzler-Filialen in Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf und sogar in Bonn.

Die fünfziger Jahre standen ganz in Zeichen des architektonischen Wettrüstens. Das Hansaviertel wurde abgeräumt und der Avantgarde zur INTERBAU überlassen, die dort mit ihrer Version der zeitgenössischen Innenstadt gegen die Arbeiterpaläste der Stalinallee anbaute. Am Ku'damm hingegen realisierte die freie Wirtschaft die Sehnsucht nach einem modernen Boulevard und scheute sich auch in Berlin nicht, auf eine bewährte Kameradschaft zurückzugreifen, die in einem Architekturwettbewerb den Ex-Kollegen und ehemaligen "Reichsarchitekten der Hitlerjugend" Hanns Dustmann am Kranzler-Eck zum Sieger kürte.

Der Plan ging auf, der Osten zeigte sich gleichzeitig beeindruckt und abgeschreckt: In Konrad Wolfs Roman-Verfilmung "Der geteilte Himmel" (DDR 1964) kommen, als Nachbauten, sowohl das Kranzler, als auch eine Andeutung der in den Park gestellten Raster-Fassaden der INTERBAU als Kulissen vor. Doch so modern oder wenigstens mondän wie Wolf es sich vorstellte, war das Kranzler in seiner real "teils in Biedermeier, teils modern" gehaltenen Einrichtung weder innen noch außen, weswegen wohl Brigitte Reimann ihre Heldin auf Westbesuch in dem Roman "Die Geschwister" (1963) lieber im Kempinski-Restaurant, eine Ku'damm-Ecke weiter, auf den Bruder treffen läßt. Es scheint, dass mit dem Mauerbau auch der Lichter-Glanz des Kranzlers, dem nun das staunende Publikum aus dem dunklen Osten fehlte, ins Wanken geriet, denn Ende der sechziger Jahre taucht der disney-mäßige Plan auf, die Ecke abermals abzureißen, um dort eine Replik des historischen Linden-Kranzlers zu errichten.

Nachdem der Bedarf an Parallelwelten mit dem Ende des Kalten Krieges erledigt sein dürfte, wäre nach heutigen Visionen für eine Ecke zu fragen, die unter dem Namen Kranzler nie als Café, sondern immer nur als Geste der Westberliner Selbstbehauptung von Bedeutung war.

Noch haben die Rekonstrukteure der "heiteren" fünfziger Jahre noch nicht mit der Arbeit begonnen, noch ist es nicht zu spät.

OLIVER ELSER

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